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  Laufnummer 1
Betrieb: Kern
Standort: Aarau
Postadresse: Ziegelrain 18 (1924) Ziegelrain 851 (1864)
Gründungsdatum: 1819
Schliessungsdatum: 1991
Branche: Elektrotechnik, Elektronik, Optik
Produktefamilie: Apparate div.
Fahrzeuge
Optische Geräte
Spezielle Produkte: Während des 2. WK werden produziert: Armeefeldstecher, Grabenfernrohre, Beobachtungsfernrohr, Aufnahmegerät für Geschossflugzeitmessung, Gewehrzielfernrohr, Zielfernrohre, Flabkanonen, Reflexvisiere für Flugzeuge.
Ab 1944 wird produziert: Hochleistungs-Kinoobjektive «Switar» .
Ab 1949 werden produziert: Medizinische Instrumente Polarimeter, Kolpographen und Mikro-Elektrophorese-Apparaten.
Beschäftigte: 1874: 148
1877: ca. 111 (Wirtschaftskrise)
1916: 142
Besitzer / Firmierung:
  • 1819 Jakob Kern (1790-1867) Gründer (Laurenzenvorstadt)
  • 1857 Jakob Kern (bis 1863) und seine Söhne Adolf (1826-1896) bis 1885, Emil (1830-1898) bis 1897
  • 1865 Kern & Co. (Kommanditgesellschaft)
  • 1914 Kern & Co. AG
  • 1988 Verkauf an Wild Heerbrugg
  • 1990 Umbenennung in Leica Aarau
  • 1991 Schliessung
Bemerkungen:
  • Johann Rudolf Meyer (1739-1813, Textilfabrikant in Aarau) nimmt den Vollwaisen Jakob Kern aus dem Glarnerland in seiner Familie auf und ermöglichte ihm eine gute Schulbildung. Kern ist einer der ersten Schüler der neu gegründeten Kantonsschule in Aarau.
  • Es ist ebenfalls Meyer, der Louis Esser aus Strassburg nach Aarau holt. 1801 gründet Esser ein mechanisches Atelier für Zirkelkonstruktion und Reisszeugfabrikation, Kern wird sein Lehrling. Nach seiner Lehrzeit begibt er sich auf eine 14-jährige Wanderschaft in die grossen Werkstätten in Deutschland. Gut ausgebildet kommt er 1819 nach Aarau zurück und macht sich selbständig.
  • Er fabriziert an der Laurenzenvorstadt neben Reisszeugen auch astronomische und geodätische Instrumente (physikalische Apparate und Vermessungsinstrumente). Das Geschäft läuft gut, Kern baut an der Bahnhofstrasse (heute UBS) ein Wohnhaus mit Werkstätten.
  • Der Bau der Eisenbahnen und die Landesvermessungen bringen viele Aufträge. Kern exportiert auch zunehmend in europäische Länder und nach Übersee. Die Firma an der Laurenzenvorstadt wird zu klein. 1857 wird sie an den Ziegelrain 18 verlegt.
  • 1857 werden Jakobs Söhne Adolf und Emil Teilhaber der Firma. Adolf betreut die Reisszeugabteilung, Emil die Vermessungsinstrumente. 1859 wird das Wasserrad durch die erste Turbine ersetzt.
  • 1868 kauft die Firma den alten städtischen Schlachthof am Ziegelrain. Er wird umgebaut, und es kommen nach und nach weitere angrenzende Häuser hinzu.
  • 1863 zieht sich Jakob Kern zurück.
  • 1869 Gründung einer Betriebskrankenkasse.
  • 1874 Einführung des «Reglement für die Mechanischen Werkstätte von J. Kern in Aarau». Tägliche Arbeitszeit für volljährige Arbeiter 11 Stunden, für Minderjährige 12 Stunden an 6 Tagen der Woche. Obligatorische Mitgliedschaft in der Betriebskrankenkasse für alle Mitarbeiter.
  • 1893 Umstellung auf elektrische Kraft und elektrisches Licht.
  • Um 1898 Arbeitskonflikt: Ein Ausschuss der Belegschaft verlangt eine Lohnerhöhung um 25% und einen 10-Stunden-Tag, bei Verzicht auf die Pausen für Zwischenmahlzeiten und die Abschaffung des Zuhausebleibens für die Besorgung der Haus- und Landarbeiten. Letzteres akzeptierte Kern «als natürliche Folge des 10-Stunden-Tags», die Lohnerhöhung fällt aber niedriger aus und gilt nur für die männlichen Arbeitskräfte.
  • 1897 sind im Katalog der Firma 32 verschiedene Nivellierinstrumente, 10 Kippregeln, 47 einfache und Repetitionstheodolite, 9 universale und weitere andere Apparate enthalten.
  • Um 1900 kommt neu der Einachsen-Tehodolit auf den Markt.
  • 1910 entsteht der Zwicky-Kern-Tachymeter, 1912 der Balu-Kern-Kontakt-Tachymeter. In dieser Zeit erste automatische Maschinen, die die Einrichtungen von Jakob Kern ablösen.
  • 1914 Kern & Co. AG: Gleichzeitig mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird die Kommanditgesellschaft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. VR: Heinrich Kern, Hans Hassler, Robert Stänz sowie Paul Matter und Heinrich Schuh.
  • Während des Krieges wirtschaftliche Schwierigkeiten, wenig bis keine Rohstoffe mit enormer Preissteigerung und wenig Aufträge. Die Arbeitszeit muss mehrmals verkürzt werden. Produziert wird nun hauptsächlich für die Eidgenossenschaft, (Schrapnellzünder, Maschinengewehrteile, Theodolite für die Genieabteilung, Sappeurtheodolite usw). Daneben weiter Produktion von Vermessungsinstrumenten und Reisszeugen für den russischen Markt.
  • 1916 Umstellung auf das Flachrundzirkelsystem, Grossaufträge der Eidgenossenschaft, aber auch vom englischen Kriegsministerium, den USA und Russland. Anstieg des Umsatzes und des Personalbestands auf 142 Personen.
  • 1916 Einrichtung eines Unterstützungsfonds für Angestellte und Arbeiter.
  • 1916 bildet sich in Aarau eine Arbeiterbewegung, die in der Inflationszeit ihre Forderung nach Teuerungsausgleich durch Streiks fordert. 1918 organisieren sich auch die «Kernianer»: Am 1. August 1919 werden bezahlte Ferien eingeführt.
  • 1918 Kauf der landwirtschaftlichen Liegenschaften Lüscher und Basler im Schachen für einen Fabrikneubau.
  • 1919 Bildung einer Arbeiterkommission.
  • 1919 Einführung der 48-Stunden-Woche.
  • Ab 1919 werden laufend modernere Maschinen für rationellere Produktionsmethoden eingeführt. Es kommt auch die optische Abteilung hinzu, mit Produkten für die Vermessung, aber auch für Fotoapparate und Feldstecher.
  • In der Nachkriegskonjunktur bedeutende Investitionen: Beteiligung an der neuen AG Glaus, Leuzinger & Co. (Nachfolgerin der Gysi & Co.) in Aarau. Es besteht ein Mangel an Arbeitskräften, weshalb Polierarbeiten in Deutschland ausgeführt werden.
  • 1920 beteiligt sich Kern an einer Wohnbaugenossenschaft.
  • 1920 Errichtung einer Filialwerkstätte in Kaltbrunn SG (Produktion von Reissfedern).
  • 1920 Bezug Fabrikneubau im Schachen.
  • 1920 Kauf der Präzisionslibellen-Werkstätte Eberle-Reichel, Berlin-Stuttgart.
  • Weltwirtschaftskrise: sämtliche ausländischen Arbeitskräfte werden entlassen, die Arbeitszeit wird 1921 zuerst auf vier, dann auf drei Tage verkürzt, der Filialbetrieb in Kaltbrunn wird stillgelegt und verkauft, so auch nicht genutztes Land im Schachen. Im November 1921 wird der Betrieb sogar temporär stillgelegt.
  • 1922 Notstandsarbeiten für das Eidg. Militärdepartement.
  • 1925 kann erstmals wieder eine Dividende ausbezahlt werden.
  • 1924 Bildung einer Interessengemeinschaft mit der Firma Ernst Leitz, Optische Werke in Wetzlar zwecks «Förderung der optischen und geodätischen Industrie in der Schweiz». Leitz verpflichtet sich, seine Patente usw. zur Verfügung zu stellen, insbesondere für Feldstecher und militäroptische Instrumente wie Zielfernrohre.
  • 1929 Höhepunkt der Bestellungen, zu wenig qualifiziertes Schweizer Personal. Es werden Facharbeiter in Deutschland rekrutiert.
  • 1929 Errichtung einer Wohlfahrtsstiftung und einer Versicherung der Angestellten gegen die Folgen des Alters und der Invalidität.
  • 1929 Börsenkrach in New York, Schutzzölle verhindern den Export.
  • 1931 werden wieder alle ausländischen Arbeiter entlassen, Reduktion der Arbeitszeit und des Lohns um ein Drittel. Die Firma arbeitet bis 1935 mit Verlust.
  • 1933 tritt Heinrich Kern nach 50 Jahren zurück.
  • 1936 Beschluss zur Aufrüstung der Schweizer Armee. Grossauftrag an Kern für militäroptische Instrumente, Vollbeschäftigung.
  • 1939 geht aus dem Unterstützungsfond und der Wohlfahrtsstiftung eine umfassende Fürsorgestiftung hervor.
  • 1940 zweite Generalmobilmachung, der Betrieb wird für längere Zeit dem Militärregime unterstellt. Die Angestellten arbeiteten in Uniform, Gewehr und Ausrüstung zur Hand 11 Stunden täglich, jederzeit für die Betriebswache oder Ortswehr bereit. Nachts wird der Betrieb bewacht.
  • 1940 Beteiligung 60% bei OMAG (optisch-feinmechanischer Industriebetrieb in Neuallschwil). Auflösung des Vertrags 1942.
  • 1940 Ausbau des Dachstocks im Schachen.
  • 1941/42 Neubau im Schachen und Vergrösserung der Abteilung für Glasbearbeitung.
  • 1941 Der Schweizer Verband Volksdienst führt Betriebskantinen.
  • 1942 Schaffung einer vom Betrieb unabhängigen Beratungs- und Fürsorgestelle, die auch Freizeitkurse durchführt und die Unterhaltungsbibliothek führt.
  • 1943 Kauf des Areals «Rüetschi» und 1945 Büroneubau.
  • 1943 18 Einfamilienhäuser in der Wohnkolonie im Scheibenschachen Aarau und Baldismatt Küttigen können den Mitarbeitern günstig vermietet werden.
  • 1944 grosse Bestellmengen für das mit Pallard S.A. St.-Croix produzierte Kino-Objektiv «Switar».
  • 1944 Gründung der Pensionskasse.
  • 1946 Gründung Tochtergesellschaft Yvar S.A. Genf zur Produktion der grossen Bestellmenge von «Switar».
  • Nach 1945 Rückgang der kriegstechnischen Produktion, aber Verdoppelung der Reisszeugproduktion. Export steigt von 30% auf 70% der Produktion. Die Grenzen sind offen, Einrichtung von 77 Auslandsvertretungen.
  • 1949 Neubau für Schreinerei: Produktion von Etuis für Reisszeuge.
  • 1949 entsteht Produktions- und Verkaufsgruppe «Medizinische Instrumente» zur Herstellung von Polarimetern, Kolpographen und Mikro-Elektrophorese-Apparaten.
  • 1949 allgemeine Handels und Finanzkrise, Abwertung der Währungen.
  • 1950 Korea-Krieg bringt neue Rüstungskonjunktur. Bis 1958 profitiert Kern von ununterbrochener Hochkonjunktur. Verdreifachung des Umsatzes zwischen 1950 und 1958.
  • 1955 Bau eines neuen Verwaltungsgebäudes.
  • 1957 Einführung der 47-Stunden-Woche.
  • 1957 Erwerb einer feinmechanischen Werkstätte in La Neuveville, 1962 wieder verkauft.
  • 1958 Einführung der 46-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich.
  • 1959 Reorganisation und Neuordnung.
  • 1960 Einführung der 45-Stunden-Woche und der Fünf-Tage-Woche.
  • 1961 Peter Kern übernimmt Geschäftsleitung und ist Mitglied des VR.
  • 1961 Verlegung eines Teils der Produktion in die Gebäude der ehemaligen Waffeln- und Confiseriefabrik Ringgenberg nach Buchs.
  • 1963 Einführung der 44-Stunden-Woche.
  • 1964 erlässt der Bundesrat ein Konjunkturdämpfungsprogramm. Die Bau- und Kreditbeschlüsse und die 1964 eingeleitete Umsetzung der Bundesratsbeschlüsse über den Fremdarbeiterabbau führen zu einem Personalabbau, der erst 1966 wieder stabilisiert werden kann. Weiterhin Hochkonjunktur.
  • 1967 Bezug des neuen Verwaltungsgebäudes. Automatisation der Administration mit einem elektronischen Rechenzentrum (Bull General Electric Gamma 30) mit mehreren Magnetbandstationen.
  • 1968 Neuregelung der Dienstverhältnisse aller Arbeiter und Angestellten. Fernziel ist die Gleichstellung der Arbeiter mit den Angestellten durch Einführung des Monatslohnes mit einheitlichen Arbeitsbedingungen. Revidierung des Lohnsystems (Leistungslohn).
  • 1969 Inbetriebnahme der neu erbauten Reisszeugfabrik im Wynenfeld Buchs.
  • 1969 Bezug des Fabrikneubaus im Schachen in Aarau, dort Fabrikation von Photogrammetrischen Geräten, die vorher in gemieteten Räumen in Schönenwerd hergestellt wurden.
  • Aus den Anlagen der Wohlfahrtsstiftungen stellt Kern der Belegschaft Wohnungen zu günstigen Mietpreisen zur Verfügung. In Erlinsbach wird ein Wohnhaus mit 29 Wohnungen projektiert.
  • 1988 Verkauf an Wild Heerbrugg.
  • 1990 Umbenennung in Leica Aarau.
  • 1991 Schliessung.
  • Historisches Archiv, Produkte und Pläne im Stadtmuseum Aarau.
Tochterunternehmen: 1920 Filialwerkstätte in Kaltbrunn SG, 1921 stillgelegt und wieder verkauft.
1940 Beteiligung 60% bei OMAG (optisch-feinmechanischer Industriebetrieb in Neuallschwil). Auflösung des Vertrags 1942.
1946 Gründung Tochtergesellschaft Yvar S.A. Genf
1957 Erwerb einer feinmechanischen Werkstätte in La Neuveville, 1962 wieder verkauft.
Quellen: - Bronner, Franz Xaver. Kanton Aargau, Bd. 1. Bern 1844. S. 504.
- Rey, Adolf. Die Entwicklung der Industrie im Kanton Aargau. Aarau 1937.
- Biographisches Lexikon des Kantons Aargau 1803-1957. Aarau 1958.
- 150 Jahre Kern. Aarau 1969.
- Byland, Max. Die Gemeinde Buchs. Buchs 1982. S. 61f.
- Aarg. Ragionenbuch 1955.
Statist. Erhebungen: 1844
1955
Objekte: Sammlung Kern, Produkte und Geschäftsunterlagen
Foto: Werkhalle Buchs 1969. Foto: Werner Erne, Aarau
Foto: Reisszeugproduktion (Kontrolle) 1966. Foto: Werner Erne, Aarau
Foto: Reisszeugproduktion - Verpackung, 1966. Foto: Werner Erne, Aarau
Foto: Reisszeugproduktion 1966. Foto: Werner Erne, Aarau
Foto: Reisszeugproduktion 1966. Foto: Werner Erne, Aarau
Foto: Reisszeugproduktion 1966. Foto: Werner Erne, Aarau
Foto: Reisszeugproduktion 1966. Foto: Werner Erne, Aarau
Foto: Reisszeugproduktion 1966. Foto: Werner Erne, Aarau
Foto: Reisszeugproduktion 1966. Foto: Werner Erne, Aarau
Foto: Reisszeugproduktion 1966. Foto: Werner Erne, Aarau
Foto: Werbeaufnahmen im Wald, 1969. Foto: Werner Erne, Aarau
 
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